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19 Nov 2019
Es ist nicht mein Problem, dass du Werte und Normen brauchst, um klarzukommen

Wer Bedürfnisse, Gefühle und Wünsche zu unterdrücken gezwungen ist, muss sie irgendwie rauslassen. Verschiedenes bietet sich an: „Einmal im Jahr durchdrehn“ (Alte Sau), also zusätzlich zum (mindestens) wöchentlichen Besäufnis, was bekanntlich etwas geregelter abläuft als Sylvester, Karneval und Nationalfeiertag. Das Perfide an der herrschenden Ideologie ist ja, dass sie Unheil derart massenhaft erzeugt, dass sie es anschließend wieder „normal“ nennen darf, und was normal ist, ist per definitionem kein Unheil. Sei es die 40-Stunden-Woche, der Anteil an Schrottnahrungsmitteln im Supermarkt sowie der der Diabeteskranken oder dass massenhaft Jugendliche über Jahre eine Mischung aus Wahnsinn und Alkoholismus praktizieren. Niemand kommt auf die Idee, dass eine 40-Stunden Woche in einer Welt, in der es viel zu viele Menschen gibt für die Menge an tatsächlich notwendiger Arbeit, eine Art sinnlose Folter ist, dass die Leute krank werden, weil ihnen massenweise Suchtwaren aufgedrängt werden, die keinen positiven Effekt whatsoever haben, dass Jugendliche kaputtes Verhalten an den Tag legen, weil ihrem Jugendlichsein zumeist eine Kindheit vorausging, die zu großen Teilen aus Abwertung, Zwang, Tabuisierung, fehlender Empathie und Repression bestanden haben wird.
Stattdessen: Müssen alle machen, die Leute ernähren sich falsch und die Pubertät, ein Wort und ein Fallbeil für jede Debatte über die Probleme Heranwachsender.
Wäre die Menge der betroffenen Menschen (Vollzeitjob, zuckersüchtig, scheiß Kindheit) etwa ein Drittel so groß, wie sie eigentlich ist, würden diese Erklärungsansätze als naheliegend wahrgenommen und umgesetzt. Doch es ist nun eben nicht eine Minderheit kaputt, sondern die große Mehrheit. Das aber kann nicht stimmen, weil… ? Ganz einfach: Weil schlimm, schlimm!
Dass gerade das Normale Unheil bedeutet, lässt sich nicht vereinbaren mit der deutschen Lieblingsweltsicht, dass im Großen und Ganzen schon alles in Ordnung sein wird (haben viele noch mitten im Weltkrieg gedacht). Also verschiebt man das ganze Problem, indem man die kaputte Mehrheit im Gerade-noch-so-Funktionieren fixiert, was den Vorteil hat, dass dadurch aus ihr eine noch kaputtere Minderheit der Dysfunktionalen destilliert werden kann (Arbeitslose, Asylbewerber_innen, Kranke, Alte), deren Existenz wiederum der Wahrnehmung Auftrieb gibt, dass eigentlich alles in Ordnung ist. Denn so viele sind es ja nicht, die nicht klarkommen mit der Welt, wie sie eingerichtet ist.
Dadurch sind auch andere Erklärungsansätze notwendig, denn wenn die meisten ja doch irgendwie klarkommen, kann nichts grundlegend falsch laufen. Wer Probleme hat, hat sie also entweder selbst herbeigeführt oder passt sich nicht bereitwillig genug den geltenden Normen an, zB 40-Stunden-Woche, einmal im Jahr durchdrehn oder Diabetes.
Ist es nicht großartig, wie diese Denksysteme sich selbst brutal bedingen?
Doch es ändert sich etwas. Die Dysfunktionalen werden mehr.
Ob Bürgerkrieg oder der längst überfällige zivilisatorische Sprung daraus resultiert, bleibt abzuwarten.

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